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Das Krokodil auf dem Meditationskissen
Fallstricke in der buddhistischen Praxis für Frauen
von Christel Koper, Vortrag Kongress "Frauen und Buddhismus", Köln 2000
Inhalt:
Anleitung
Mein persönlicher Ausgangspunkt
Anweisungen über den Umgang mit aggressiven Gefühlen
"Fallstricke" - eigene Erfahrungen in der Meditationspraxis
Psychische Entwicklungsbedingungen für Frauen
Folgerungen für die meditative Praxis
Literaturliste
Liebe Frauen,
Ich habe das Original mitgebracht: Hier ist also das real existierende "Krokodil auf dem Meditationskissen". Viele Frauen haben sich von dem Symbolgehalt dieses Bildes scheinbar sehr angesprochen gefühlt. Es scheint einen großen Klärungsbedarf diesbezüglich zu geben. Die vielen Anmeldungen haben ja mit mir als Person nicht viel zu tun, denn einen Namen habe ich in diesen Kreisen nicht. So rätselte ich und befragte Freundinnen: ja, es ist der Titel, der da was anspricht. Eine Freundin sah den gierig verschlingenden Anteil des aufgerissenen Krokodilschlundes, eine andere fand den Titel so "ehrlich". Meine Supervisorin meinte, dass das Unbewusste angesprochen sei. Meine Künstlerin-Freundin wollte es gleich malen. Ich hoffe, ich erfahre auch von Ihnen heute einige der damit verbundenen Assoziationen.
Anleitung
Zunächst möchte ich Sie bitten, sich einige Minuten Zeit zu nehmen, dieses Bild auf sich wirken zu lassen. Bevor ich weiterrede, überlassen Sie sich bitte noch einmal ihren eigenen Phantasien. Das wird Sie sicher auch wieder mit Ihren eigenen Fragen, die Sie an das Thema haben, in Verbindung bringen.
Der Titel ist nicht nur ein Titel, sondern dieses Arrangement existiert seit Jahren bei mir zu Hause. Es soll mich daran erinnern, ja nicht wieder zu "gut" sein zu wollen. Wie kam das Krokodil auf mein Meditationskissen?
Meine Liebe zu diesem Tier erwachte über meine Enkeltochter Anna. Die hatte schon recht früh in ihrem Leben mit großer, kaum zu bändigender Wut zu kämpfen. Eines ihrer vielen Stofftiere war ein ziemlich großes Krokodil. Kurz vor der Geburt ihrer Schwester besuchte ich meine Tochter. Anna war schon höchstgradig beunruhigt, was sich da in dem Bauch der Mutter tat. Kaum dass ich da war, entwickelte sie mit mir folgendes Spiel: mit Anlauf und aufgeregter Freude rammte sie mir das Krokodil in den Bauch. Immer und immer wieder wollte sie das spielen. Eine, wie ich finde, wunderbare Inszenierung ihrer Ängste und Bedrohungen und ein Versuch der Kanalisierung ihrer Aggressionen.
Später dann war die Eifersucht auf die Schwester unübersehbar. Meine Tochter wollte ihr diese Gefühle im Gespräch erlauben. Aber das war viel zu direkt: "Ich bin nicht böse," sagte sie, "das Krokodil ist böse". Mich sprach ihre Not so an, dass ich ein kleines Büchlein für sie schrieb. Eine Freundin machte die Illustrationen dazu. Tenor des Buches war, sich mit dem Krokodil anzufreunden.
Sie werden sicher schon bemerkt haben, dass ich viel mit diesem Thema zu tun habe. Noch immer ringend um Integration. Gewünscht hatte ich mir eigentlich eine kleine Runde zum persönlichen Erfahrungsaustausch. Eine Teilnehmerinnenbegrenzung ließ sich aber wegen der großen Nachfrage nicht so recht durchsetzen. So sitzen wir hier zu so vielen. Ich werde also eher einen Vortrag halten müssen, hoffe aber, dass es trotzdem gelingt, dass wir miteinander ins Gespräch kommen.
Zum Ablauf: Erst hören Sie meinen Vortrag und dann bitte ich Sie, sich mit Ihren Nachbarinnen zusammenzutun und sich auszutauschen unter der Fragestellung, wie Sie in Ihrer buddhistischen Meditationspraxis mit Gefühlen wie Wut, Neid, Konkurrenz, Egoismus und Sexualität zurechtkommen.
Meine These für diesen Vortrag lautet:
Frauen sind gefährdet - statt zu der im Buddhismus angestrebten Integration von destruktiv-aggressiven Gefühlen zu kommen - bei einer erneuten Verdrängung dieser Gefühle stehenzubleiben. Und damit kommt es zu einer Wiederbelebung einschränkender Rollenvorgaben.
Gründe dafür sind:
1. die gesellschaftlichen Rollenerwartungen
2. die uns prägende christliche Religion - und -
3. die Besonderheiten der psycho-sexuellen Entwicklung von Frauen
Zumindest gibt es auf diesem Weg so einige Mißverständnisse zu klären und das soll Thema meiner Ausführungen sein. Die Frage dabei ist, wie eine Integration dieser Gefühlswelten gelingen und ein Umgang damit gefunden werden kann.
Zum Aufbau: zunächst werde ich meinen persönlichen Ausgangspunkt näher beschreiben. Dann möchte ich einige Anweisungen von LehrerInnen zum Umgang mit diesen Gefühlen vorstellen. Ich berichte dann über meine persönlichen "Fallstricke" in der Meditationspraxis. Anschließend werde ich über die psychischen Entwicklungsbedingungen für Frauen sprechen, um dann zu Folgerungen für die Meditationspraxis zu kommen.
Mein persönlicher Ausgangspunkt
Je nach Lebensgeschichte gibt es sicherlich ganz verschiedene Umgangsweisen mit aggressiven Gefühlen Frage hier wäre dennoch, ob sich neben allen individuellen Unterschieden Ähnlichkeiten aufgrund geschlechtsspezifischer Erfahrungen herausstellen. Wie schon anfangs angedeutet, möchte ich sehr persönlich an dieses Thema herangehen. Ich will noch ein paar Informationen aus meinem Leben erwähnen, die mich in Bezug auf das Thema geprägt haben.
Geboren bin ich 1949, bin also jetzt 50 Jahre alt. In Werten und Vorstellungen bin ich von einer Mutter mitgeprägt, die 1920 geboren ist. Es ist eine Tatsache, dass die Prägung in der Gefühlsentwicklung sehr früh stattfindet. Das bedeutet, dass wir trotz Frauenbewegung und gesellschaftlicher Wandlungen mit unserer emotionalen Ausstattung immer etwas altmodischer hinterherhinken. Mag sein, dass jüngere Frauen heute für sich andere Antworten finden. Die Erfahrungen in meiner therapeutischen Arbeit zeigen jedoch, dass die Integration aggressiver Gefühle für Frauen immer noch ein brisantes Thema ist.
Meine Entwicklung war geprägt durch eine sehr enge Mutterbindung. Eine Mutter, die selbst viel gebraucht hätte. durch 4 Töchter war sie auf der einen Seite sehr belastet , andererseits definierte sie sich aber über Mutterschaft und brauchte diese Kinder. Ablösung und Trennung von dieser Mutter waren kaum möglich. Ein Vater, der viel arbeitete und sich nicht zuständig fühlte für die Kindererziehung. Eigentlich ganz normale familiäre Strukturen in den 50iger Jahren. Zusammen mit der Tatsache, dass eine meiner Schwestern den Part der Aggressiveren schon besetzt hatte und ich ungewollt kurz nach ihr geboren wurde, blieb mir nur die angepaßte pflegeleichte Variante.
Dagegen gab es viele Protest- und Aufbruchsbewegungen in meinem Leben. Politisierung, Zweiter Bildungsweg, zwei Studien. Vor allem die Frauenbewegung veränderte viel in meinem Leben: Frauenwohngemeinschaften, Liebe und Beziehungen zu Frauen. In einer persönlichen Krise landete ich in einer Körpertherapiegruppe. Da wurde Wut und Sexualität als Mittel der Befreiung ganz groß geschrieben. Und so lernte ich, laut zu schreien und auf Kissen zu hauen. Das tat gut. Und das gab ich weiter an andere Frauen. Lange Zeit leitete ich körper-orientierte Selbsterfahrungsgruppen zu diesem Thema. Bei aller lautstarken Übung: für die Klärung in engen Beziehungen hat es nicht gereicht. Erst in meiner Analyse lernte ich, Wut innerhalb einer Beziehung zu zeigen. Das mußte dann gar nicht mehr so laut sein und war trotzdem ein Wagnis.
Ich fand eine Supervisorin, der es ein Anliegen ist, gerade Frauen bei diesen Gefühlen zu unterstützen. In vielen Supervisionsstunden war es Thema, aggressive Gefühle in der therapeutischen Beziehung wahrzunehmen, zuzulassen und damit zu integrieren. Gerade in dieser von frühen Phantasien und Wünschen geprägten Beziehung machen diese Gefühle sehr viel Angst.
Vor ca. 8 Jahren führte mein Weg mich zur buddhistischen Meditation. Erst zu Sylvia Wetzel, dann zu Ayya Khema. Und wieder und erneut stand eine Auseinandersetzung mit diesen Gefühlslagen an. Überall witterte ich meine alten Verbote. Viele Fragen mußte ich stellen. Und doch kam es in mir zu heftigen Konflikten zwischen Über-Ich und Es. Wie schon im Ausschreibungs-Text beschrieben verwirrten mich die buddhistischen Anweisungen. Ich wollte dann zu oft ein "guter" Mensch werden und fand mich wieder in Verzicht und Versagungen. Das konnte doch nicht gemeint sein. Das Krokodil auf dem Kissen sollte fortan darüber wachen, dass ich nichts verliere, was ich in Phasen des Aufbruchs mir mühsam erobert hatte. Denn es macht einen so großen Unterschied im Lebensgefühl aus, ob diese Kraft dabei sein darf oder nicht. Neugier auf die Welt, Mut und Selbstvertrauen ? all das sind ja konstruktive "Ableger" der Aggression.
Anweisungen über den Umgang mit aggressiven Gefühlen
Erfüllung und Glück wurde lange Zeit in Psychotherapien gesucht . Speziell in den neu entwickelten Therapieformen der Humanistischen Psychologie, die ihren Schwerpunkt weg von psychischen Krankheitsbildern auf das innere Wachstumspotential legten. In den Meditationskursen fanden sich viele wieder, die vorher Therapien durchlaufen hatten. Was sie da nicht an Glück gefunden hatten, suchten sie nun in der Meditation. Auch viele TherapeutInnen waren dabei. Auf dem Hintergrund vielfältiger Psychotherapie-Erfahrungen ergab sich sehr bald die Frage nach dem Umgang mit den sogenannten destruktiven Gefühlen. Diese waren in den Therapien gerade mühsam aufgedeckt worden.
Aus der Sicht von Frauen fand ich hier wenig. Soweit ich weiß, hat nur Sylvia Wetzel diesen Blickwinkel bisher thematisiert. Sie schreibt, dass es typische Fallen für westliche Menschen gibt, wenn sie versuchen, ihre negativen Gefühle nicht auszudrücken, weil die buddhistische Tradition das als unheilvoll bezeichnet. Sie erklärt die buddhistische Lehre aus der geschichtlichen Entwicklung heraus. Diese Anweisungen hätten sich zeitgebunden an kriegerisch ausgerichtete Männer gerichtet und sollten der Eindämmung von Krieg und Gewalt dienen. Anregungen zum Umgang mit Verdrängung, Selbstablehnung und den daraus folgenden depressiven Strukturen gäbe es im Buddhismus nicht. Das sind aber die Fragen, die uns hier und heute interessieren. Speziell Frauen, die in Frauengruppen oder mit psychotherapeutischer Unterstützung endlich gelernt haben, ihren Ärger zu spüren und sich nicht mehr dafür verurteilen wollen,würden sich gegen die scheinbare Wiederauflage alter Muster wehren.
Gerade Frauen, die diese Gefühle kaum an sich wahrnehmen können empfiehlt sie psychotherapeutische Arbeit an dieser Verdrängung und den Ausdruck im geschützten therapeutischen Bereich. Auch die Achtsamkeitspraxis könne dabei helfen, zu einer besseren Wahrnehmung dieser Gefühlsqualitäten zu kommen. Und sie rät Frauen, genau aufzupassen und immer wieder unbequeme Fragen zu stellen, statt sich voreilig anzupassen.
Ayya Khema, deren Belehrungen ich so einige Retreats lang in mir aufnahm, sagt dazu "Der Hass, den wir in uns haben, muss erstens erkannt und dann mit Liebe und Gleichmut bearbeitet werden. Wir müssen zu der Einsicht gekommen sein, uns mit negativen Reaktionen nur selbst zu schaden." Fragen nach der Umsetzung wurden, wie so oft, mit dem berühmten "Loslassen" beantwortet . Leichter gesagt als getan. Immerhin, und das ist ja ein wichtiger Unterschied zum Christentum, spricht sie davon, dass alle Menschen mit Hass auf die Welt kommen. Manche hätten mehr damit zu tun als andere, das seien karmische Resultate.
Damit werden diese Gefühle im Buddhismus - anders als im Christentum - frei von Schuld und Moral betrachtet und es wird ein Umgang damit gesucht . Der Buddhismus anerkennt die Existenz dieser destruktiven Gefühle und zeigt Wege der Befreiung davon auf. Der Verzicht auf das "Böse" ist damit nicht eine moralische Forderung wie im Christentum, sondern ein Mittel zur Weltsicht und zur Befreiung. Das macht die buddhistische Philosophie so anziehend für uns moderne, vom Christentum und von der Psychologie geprägte Menschen.
Dazu ein Teilnehmer der Tara-Rokpa-Therapie, einer Therapieform, die versucht, buddhistisches und psychologisches Wissen zusammenzuführen: "Aber unser westlicher Hintergrund hat noch andere Folgen. Wenn wir Dharma als Religion verstehen, wenden wir unbewusst frühere Erfahrungen mit Religiosität auf ihn an, und geraten in subtile Mißverständnisse zum Beispiel in den Bereichen Autorität, Heilserwartung von außen und Schuldgefühl. Der vergleichsweise unbelastete Begriff "Therapie" scheint eine nützlichere Metapher für den Weg des westlichen Anfängers zu sein als "Religion" oder "Spiritualität". In einer Psychotherapie darf ich böse oder schlecht sein; auf einem religiösen Weg muß ich heilig werden."
An dieser Frage, nämlich, ob Aggressionen angeboren sind oder nur Reaktionen von an sich guten Menschen auf Frustration, darüber streiten sich auch die verschiedenen Therapierichtungen. Mir liegt da das Menschenbild der Psychoanalyse nahe, die von angeborenen Trieben wie Sexualität und Aggression beim Menschen ausgehen. Auch die Psychoanalyse sucht nach Wegen, diese Kräfte zu integrieren.
Jetzt komme ich zu Aussagen des Dalai Lamas über den Umgang mit der Wut. Während es im Buddhismus üblich sei, sich immer wieder die Nachteile und die destruktive Natur dieser Gefühle vor Augen zu führen, um sie somit langsam zu überwinden, bemerkt der Dalai Lama ganz erstaunt, dass es im westlichen Therapie-Verständnis die Ansicht gäbe, dass die Unterdrückung dieser Emotionen sowohl auf den Körper als auch auf die Seele negative Auswirkungen habe.
Und er fragt: "Glauben Sie, dass es besser ist, auf einen anderen Menschen wiederholt wütend zu sein, oder ist es besser, es nicht zu sein? Wenn Sie tatsächlich meinen, dass es besser wäre, nicht wütend zu sein, wäre es dann nicht vorteilhaft, Methoden zu finden, durch die Wut gar nicht erst entsteht? Wenn Sie der Ansicht sind, dass es besser wäre, die Wut abzubauen, reduziert man sie dann, indem man sie ausdrückt, wenn sie in einem aufsteigt, oder indem man sie nicht ausdrückt."
Es ist für ihn, wie für so viele Lehrer aus dem Osten, schwer verständlich, dass es für Menschen aus dem Westen erst einmal wichtig ist, diese Gefühle kennenzulernen, da sie von früher Kindheit an gelernt haben, ihre Gefühle zu unterdrücken, . Der Begriff der unbewussten Wut und der Verdrängung ist ihm fremd. Als Antwort auf diese Fragestellung empfiehlt er einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen. Statt entweder seine Wut vor seinem Bewusstsein zu verstecken, sie also zu verdrängen oder sie in destruktiver Weise auszuleben, soll die Wut wahrgenommen werden ohne sie umsetzen zu müssen.
Der von mir wegen seiner recht psychologischen Ausrichtung geschätzte Jack Kornfield plädiert für die Vipassana-Praxis des Benennens der Wut. So kann man die Dimensionen und die Entstehung dieser Gefühle genau kennenlernen und einen Umgang mit diesen Dämonen finden. Es gehe weder um Verdrängung noch um ein Loswerden. Er betont sehr den Wert und die Wichtigkeit dieser Gefühle als Schutz oder Quelle unserer Stärke. Auch für die Grenzsetzung, die oft erst Wachstum ermöglicht, bräuchten wir diese Kraft.
Die Zen-Lehrerin Charlotte Joko Beck sagt dazu, dass man den Ärger wahrnehmen sollte, wenn man gerade ärgerlich ist. "Denn das ist die Wirklichkeit des Augenblicks. Wenn wir aber so tun, als seien wir gar nicht ärgerlich und den Ärger mit einer Forderung: wie "Ärgere dich nicht" zudecken, dann ist einfach keine Chance da, den Ärger wirklich als das kennenzulernen, was er ist. Auf der Seite jenseits des Ärgers liegt, wenn wir seine Leere wahrnehmen und durch sie hindurchgehen, immer Mitgefühl. Aber nur, wenn wir wirklich und tatsächlich hindurchgegangen sind." Also, auch sie betont, dass Wandlung dieser Gefühle nur möglich ist, wenn sie zugelassen werden können. Und das ist der Tenor all dieser Aussagen.
Deswegen an dieser Stelle nochmals die Frage, warum und wie es diesbezüglich zu den benannten Missverständnissen kommen kann. dass es also nicht zu dem im Buddhismus geforderten Loslassen kommt, sondern zur erneuten Verdrängung und damit zur Wiederbelebung der besonders für Frauen geltenden intrapsychischen Verbote. Dazu ein Blick auf meine eigenen Erfahrungen.
"Fallstricke" - eigene Erfahrungen in der Meditationspraxis
Auf meinem meditativen Weg, speziell auf längeren Retreats, hatte ich sehr viel mit Widerständen zu tun. Es dauerte Jahre, bis ich innerlich nicht mehr gegen die "Liebende Güte Meditation" anging und sie nicht als Heuchelei empfand. In den Meditationszusammenhängen empfand ich viel bemühtes So-tun-als-ob, bei mir und auch bei den Anderen.
Da passt nochmal ein Zitat aus dem Buch "Das Herz des Lotos" von Sylvia Wetzel: "Schaut man sich Übende des Buddhismus in Deutschland an, bekommt man bei einigen leicht den Eindruck, es gehe vor allem darum, sich langsam zu bewegen und mit sanfter Stimme zu reden".
Speziell zu den Mahlzeiten, zu denen wir uns bemühten, langsam und nicht zu viel zu essen, war oft eine nur mühsam unterdrückte Gier zu spüren. Ziemlich unerträglich, fand ich das. Bei mir bewirkte das oft fast antiautoritäre Neuauflagen von Protestwünschen.
Einmal kämpfte ich bei einem sehr vollen Sylvester-Retreat mit meinem Vordermann darum, dass er seinen Sitzabstand einhielt. Jeden Morgen schob ich sein Kissen ein Stück nach vorn - ohne Erfolg. Nach Aufhebung des Schweigens verneigte er sich vor mir und bedankte sich, dass ich da gewesen sei. Aber Platz hatte er mir nicht gemacht. Gut, diese Erlebnisse bewegen sich eher auf der anekdotischen Ebene.
Persönlich schwieriger wurde es für mich, als ich mich nochmals in einen therapeutischen Prozess begab. Es ging um das Entdecken und Zulassen von solchen Gefühlen wie Neid, Konkurrenz, der Wunsch nach Bestätigung. Das brachte mich sehr in Konflikt mit dem buddhistischen Weg.
Zum Beispiel an der Frage der Entsagung: Meine lebensgeschichtlich geformte Bereitschaft, mein Glück eher in geistigen Werten zu suchen und auf reale Befriedigungen zu verzichten, flackerte dann wieder auf. Und da lauerten dann die altbekannten Mutter-Gefilde, die es mir nicht erlaubten, eigene lustvolle Lebensmöglichkeiten auszuprobieren. Wut, Sexualität und Wünsche waren da verboten. Mir fiel die Unterscheidung schwer, wann es gut ist, die weltliche Ebene zu verlassen. Und wann sind es eher depressive Rückzüge , die nicht weiterbringen.
Diese depressiv gefärbten Zustände konnte ich dann selbstgefällig kaschieren als Gefühl , "besser" zu sein und geistig-intellektuell-moralisch "drüberzustehen". Den spirituellen Weg kann man dann als den höherwertigen Weg betrachten und ein Lebensgefühl kultivieren, in dem es um Werte wie Tiefe, Liebe und Leiden geht. Mit Schuldgefühlen, Moral und überhöhten Anforderungen an mich selbst hat diese Haltung mich nicht gerade glücklicher werden lassen. Ich wußte um diese persönliche Gefährdung - aus dem Grund das Krokodil! Dass Entsagung nicht heißt, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern nur zu akzeptieren, dass sie weggehen, konnte ich so oft nicht verstehen. Auch nicht, dass das Ergebnis dieses Akzeptierens Erfüllung ist und nicht Entbehrung!
Dazu eine sehr treffende Beschreibung aus der Zeitschrift Mandala 5/96 zum Thema Buddhismus und westliche Psychotherapie: "Das konkrete Umsetzen von Freigebigkeit, Geduld und Mitgefühl kann im Dienst eines unbewussten Abwehrmechanismus stehen, was zu dem bekannten Helfersyndrom führen kann. Ursache für das Helfersyndrom sind sind tiefe alte Verletzungen und eine Umwelt, die zum Zeitpunkt der Verletzungen diese ignorierte. Nicht nur die Schmerzen wurden ignoriert. Auch die damit verbundenen Wut- und Hassgefühle, im schlimmsten Fall wurden sie bestraft. Somit muss ein Kind in einer solchen Situation lernen, die Verletzungen und Wutgefühle nicht mehr ins Bewusstsein gelangen zu lassen. Es lernt sie zu verdrängen. Eine Möglichkeit der Verdrängung besteht darin, dass man die Wut gegen sich selbst und das eigene Herz einsetzt. Ein Ausdruck dieser Form von Selbstaggression kann die Aufopferung für andere sein. Es wird das gegeben, was man tief im Inneren selber braucht, und die gegen sich selbst gerichteten Aggressionen werden als Aufopferung für andere gelebt.
Das äußere Verhalten entspricht sehr exakt dem Verhaltenskodex des Buddhismus, aber die vergangenen psychischen Verletzungen und unerfüllten Bedürfnisse blockieren die Öffnung des Herzens. Die Trauer und Wut wird nicht wahrgenommen, sondern hinter helfendem Verhalten versteckt, was zur Selbstverleugnung und zu einer innerlichen Verhärtung führen kann."
Ich finde, dass diese Beschreibung leider noch immer zu gut auf weibliche Biographien paßt und in gesellschaftlichen Rollenerwartungen u.a. auch im Mutterbild gefördert und gefordert werden von Frauen. Hinzu kommt die Problematik von Frauen in helfenden Berufen. Und in diesen Berufen finden sich vorwiegend Frauen.
Nun zu einem weiteren Missverständnis in meiner täglichen Meditationspraxis. Es passierte mir immer wieder, dass ich die Forderung von Loslassen unbewusst benutzte, um mir ein Gutgehen ein- und schlechte Gefühle auszureden. So kam ich dann oft kein Stück weiter. Denn so geht ja das Loslassen nicht. Die Grenze zur Verdrängung ist jedenfalls immer recht nahe.
Dazu Jack Kornfield: "Wenn Schwierigkeiten auftreten, können wir sie loslassen - falls wir dazu fähig sind. Aber Vorsicht! Das ist nicht so leicht, wie es klingt. Oft haften wir zu sehr an der Geschichte oder dem Gefühl oder sind zu tief darin verstrickt. Oder wir versuchen "loslassen", weil wir etwas nicht mögen. Doch das ist kein wirkliches Loslassen; es ist einfach Abwehr". Um dieses Missverständnis zu vermeiden, empfiehlt er die sanftere Version des Geschehenlassens.
Ich glaube, dass gerade diese Haltung des Geschehenlassens uns Frauen bei den kulturell verbotenen Gefühlslagen helfen kann, um nicht in alte Verdrängungsfallen zu geraten.
So weit meine persönlichen "Fallstricke". Ich komme jetzt zum nächsten Punkt.
Psychische Entwicklungsbedingungen für Frauen
Hier wird es um die Wurzeln der Verdrängungsnotwendigkeit von Aggressionen gehen, die für Frauen wirksam sind. Zum Begriff Verdrängung: das ist eine psychische Abwehrreaktion, um die Seele vor nicht lösbaren Konflikten zu schützen. Die verdrängten Gefühle bleiben unbewusst, das ist der Sinn der Sache.
Es geht also nicht um lautstark geäußerte Formen von Aggressionen, sondern um subtile innere Verbote und Zensoren. Die wenigsten Frauen können offen aggressiv agieren. Die meisten ringen ein Leben lang darum, diese Gefühle überhaupt haben zu dürfen.
Die gesellschaftlichen Rollenerwartungen sind bekannt. Ebenso die nach einer Umbruch-Phase wiedereinsetzende Verschlechterung der objektiven gesellschaftlichen Bedingungen für Frauen. Das erklärt aber nicht nur, warum Frauen auch heute noch über so wenig gesellschaftliche Macht verfügen. Und warum weibliche Lebensentwürfe immer noch oder schon wieder von einschränkenden Rollenvorgaben bestimmt sind.
Alle neueren Aufsätze zur psycho-sexuellen Entwicklung gehen davon aus, dass es Mädchen noch immer nicht gestattet ist, aggressive Triebimpulse zu entwickeln. Diese sind aber unabdingbarer Bestandteil sowohl des kindlichen Autonomiestrebens als auch für die Entwicklung einer eigenständigen Sexualität und für die durchsetzungsfähigkeit im Beruf. Der Grund dafür wird in der höchstgradigen Gefühlsambivalenz der frühen Mutter-Tochter-Beziehung und den darraus folgenden Ablösungsschwierigkeiten von der Mutter gesehen. Das möchte ich etwas genauer erläutern.
Die Mutter ist das primäre Liebesobjekt. Sie wird allmächtig wahrgenommen, weil das Wohl und Wehe des Mädchens von ihr abhängig ist. Überhaupt ist Abhängigkeit das zentrale Merkmal der frühen Mutterbeziehung. Diese existentielle Abhängigkeit nährt Phantasien einer allmächtig guten und auch bösen Mutter. Die Mutter wird zugleich begehrt, geliebt, gehaßt und gefürchtet. Diese ambivalenten Gefühle bringt das Mädchen in einen Konflikt zwischen Liebe und Haß, zwischen Abhängigkeits- und Autonomiewünschen. Dieser Konflikt ist für Mädchen nur lösbar, indem die Aggressionen auf die Mutter wegen der bedrohlichen Angst vor Verlust des so wichtigen primären Liebesobjektes massiv unterdrückt werden. Jungen haben da andere Möglichkeiten. Sie können diesen Ambivalenzkonflikt durch Spaltung bewältigen, indem sie die Mutter weiter lieben und den Vater hassen und mit ihm um die Mutter konkurrieren um sich anschließend mit dem machtvollen Vater zu identifizieren.
durch die gleiche Geschlechtszugehörigkeit wird vom Mädchen die Identifizierung mit der Mutter und den sie repräsentierenden Rollenvorgaben erwartet. Da der Vater oft als dritte Person und damit als Möglichkeit zur Ablösung von der Mutter weder real noch emotional eine Alternative darstellt, verbleibt das Mädchen länger in der symbiotischen Beziehung zur Mutter. Das wird von den Müttern häufig gefördert, um ihre eigene innere und äußere Leere zu füllen. Bedingt durch die Gleichgeschlechtlichkeit erleben Mütter ihre Töchter oft als narzißtische Erweiterung des eigenen Selbst. Das Erleben von Trennung, Differenz und Autonomie wird bei Mädchen weniger zugelassen.
Zur Verdrängung dieser frühen bedrohlichen Aggressionen auf die Mutter wird ein Gegenbild von der "Guten Mutter" entwickelt. Das Bild der "Guten Mutter" ist auch gesellschaftlich als Leitbild der weiblichen Sozialisation gültig. Damit gibt es aber keine Verarbeitungsmöglichkeit mit den verdrängten Aggressionen. Da es auch keine gesellschaftlichen Symbole für diesen Aspekt von Weiblichkeit gibt, kann es weder zur Identifikation mit noch zur Distanzierung von diesem inneren Bild der bösen Mutter kommen.
Folge ist, dass diese durch Verdrängung gebundene Kraft nicht für die durchsetzung eigener Ziele genutzt werden kann. Diese Kraft fehlt bei dem notwendigen Ablösungsprozess von der Mutter. Die Ablösung von der Mutter wiederum ist Voraussetzung für weibliche Lebensentwürfe, die beruflichen Erfolg, Kreativität, Sexualität und Aggression mit einschließen.
Noch ein kurzer Exkurs in die Kulturgeschichte: In matriarchalen Kulturen waren die bedrohlichen und destruktiven Anteile der Weiblichkeit - und auch die Phantasien einer archaisch-bösen Mutter - noch nicht verdrängt. In den Fruchtbarkeits- und Wiedergeburtskulten waren die Zyklen von Werden und Sterben und damit auch die totbringenden dunklen Aspekte enthalten. Mit der Entmachtung von Frauen im Übergang zur christlichen Kultur ist das Frauenbild von diesen Seiten bereinigt worden. Stattdessen wird ein von männlichen Projektionen entwertetes Bild von Weiblichkeit propagiert. Dadurch gibt es für Frauen kaum Möglichkeiten, sich mit diesen Anteilen integrativ auseinanderzusetzen. Soweit ich weiß, tauchen diese machtvoll-bösen Frauengestalten im tibetischen Buddhismus als Dakinis auf. Sie sind Projektionsfiguren für das Erleben dieser inneren Kräfte und ermöglichen damit eine Integration.
Das wäre eine Möglichkeit der Nutzung der weiblichen Destruktivität als befreiende Kraft für die Emanzipation. Und als Kennenlernen des weiblichen Potentials, weit entfernt vom Opfer-Sein heutiger Frauenbilder.
Ich hoffe, es ist klarer geworden, welch wichtige Bedeutung die Integration der Aggression für die weibliche Entwicklung hat. Wie sehr diese Kraft gebraucht wird für die Selbstentfaltung, für Individualisierung und Autonomie.
So, wie kommen wir jetzt zurück zum Thema und zur Frage, welche Folgerungen das für die meditative Praxis hat.
Folgerungen für die meditative Praxis
Der Schwerpunkt meiner Ausführungen lag in der kritischen Hinterfragung, inwieweit die buddhistischen Anweisungen zum Umgang mit aggressiven Gefühlen für westliche Frauen auf ihrem Weg zur Befreiung und Emanzipation sinnvoll sind. dass die buddhistische Praxis dabei helfen kann, steht außer Frage. Der Blick nach Innen, statt der gewohnten Außenorientierung, hilft sicher, die Autonomie von Frauen zu fördern. Und durch die Stärkung der Beziehung zum inneren Selbst wird die Wahrnehmung eigener Wünsche, Kreativität und die Entwicklung des eigenen Potentials bewusster.
Wir haben sicher alle gute Erfahrungen mit der Meditationspraxis gemacht, sonst säßen wir nicht hier. dass jedoch Anweisungen und Inhalte dieser über 2.500 Jahre alten Philosophie überprüft werden müssen, ob sie für Frauen heute sinnvoll sind, ist eigentlich selbstverständlich. Das gleiche geschah auch bei der Entwicklung der sogenannten Feministischen Therapie. Auch dort wurden Inhalte und Anweisungen dahingehend überprüft, inwieweit sie Frauen auf einschränkende Geschlechterrollen festlegen.
So ähnlich stelle ich mir auch den Prozess bei der Entwicklung einer feministisch-orientierten buddhistischen Praxis vor. Und dafür ist dieser Kongreß und die Resonanz darauf ein erster Anfang.
Nun etwas konkreter zum Thema des Vortrags. Was können wir tun, verändern, beachten? Ein paar Anregungen in Stichpunkten:
- evtl. gerade bei aggressiven Gefühlen besonders aufmerksam sein für Verdrängung und Verurteilung
- aufmerksam sein für Tabubereiche auch in der buddhistischen Szene
- es kann wichtig sein, diese Gefühle auszudrücken und nicht nur wahrzunehmen, das kommt auf die Situation an
- erst "Loslassen" üben, wenn wir in der Lage sind, diese Gefühle zuzulassen, das Los-lassen passiert dann von alleine
- wenn zuviel Abwehr da ist gegenüber Gefühlen, hilft mir persönlich die angeleitete Meditation "Den inneren Krieg beenden" von Jack Kornfield. Da lädt er alle Gefühle und Empfindungen, auch die, die man bekämpft, zu einer Friedensrunde in seinemHerzen ein.
- es kann nötig sein, sehr verdrängte unbewusste Aggressionen im therapeutischen Kontakt kennenzulernen und auch im Kontakt auszudrücken, weil eben das früher verboten war.
- sich selbst befragen, ob der eingeschlagene Weg zum Wohlbefinden führt oder ob er depressive Verstimmungen, Rückzugstendenzen etc. befördert.
- Einladung an die Kleingruppen, von hilfreiche Erfahrungen aus anderen Schulen und von anderen LehrerInnen zu berichten.
Literaturliste
- Ayya Khema "Meditation ohne Geheimnis", Theseus 1988
- Beck, Charlotte Joko "Zen im Alltag", Knaur 1990
- Dalai Lama "Im Einklang mit der Welt", Lübbe Verlag 1992
- Deikman, A.J. "Therapie und Erleuchtung", rororo 1986
- Epstein, M. "Gedanken ohne den Denker", Krüger 1995
- Hamburger Arbeitskreis für Psychoanalyse und Feminismus "Evas Biss", Kore
- Kornfield, Jack "Frag den Buddha und geh' den Weg des Herzens", Kösel 1995
- Lotusblätter 1/97 "Buddhismus contra Therapie"
- Mandala Nr. 5/1996 "Buddhismus und westliche Psychotherapie
- Wetzel, Sylvia "Das Herz des Lotos", Fischer 1999